Blog
Biophilic Design
Ein neudeutscher Begriff bereichert die Architekturszene, findet Befürworter und Enthusiasten, Kritiker und Skeptiker. Biophilic Design steht für die Naturbelassenheit in der Architektur, die Verknüpfung von Außen und Innen, die Versöhnung von Grün und Glas.
Wie man in den Wald hineingeht…
Alles begann mit Henry David Thoreau. Um genauer zu sein, mit dessen Freund Ralph Waldo Emerson, einem Naturphilosophen in der Nachfolge von Jean Jacques Rousseau. Der schwärmte vom naturnahen Leben, von der menschlichen Gesundheit inmitten blühender Natur, vom freien Leben inmitten der Wildnis.
Thoreau setzte die Theorie in die Praxis um und baute sich eine Blockhütte am Ufer des Walden Bound, einem See in den tiefen Wäldern von Massachusetts. Nach zwei Jahren und um einige Erkenntnisse reicher, schrieb Thoreau ein Buch über seine Erfahrungen, bis heute ein Bestseller für Schwärmer, Spinner, Sonderlinge: „Walden oder Leben in den Wäldern“.
1854 erschienen, wirkte diese Aussteigeridylle vom Erscheinen bis zu den Beatniks und Blumenkindern in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts.
Aktuell besinnen sich zeitgenössische Gestalter auf das Primat der Natur über die Architektur. Das Zauberwort heißt: Biophilic Design. Auch dieser Begriff geht auf einen Schriftsteller zurück, den deutschen Philosophen Erich Fromm. Leicht tautologisch kann Biophilie übersetzt werden mit: Die Liebe zum Leben(digen).
14 Gebote des Biophilic Designs
Um den kritischen Bedürfnissen einer nachhaltigen Zukunft gerecht zu werden, entwickelt terrapin bright green neue Ansätze. Die Institution setzt sich für die Wiederverbindung der Menschen mit der Umwelt zu einer gesunden und regenerativen Zukunft ein. Die 14 Gebote enthalten die Leitsätze ihrer biophilen Gestaltung:
Visuelle Verbindung mit der Natur: der Blick auf natürliche Elemente, Systeme, Prozesse.
- Nichtvisuelle Verbindung mit der Natur: akustische, haptische, olfaktorische oder gustatorische Reize, die positive Assoziationen mit der Natur hervorrufen.
- Arrhythmische Sinnesreize: Unregelmäßige, aber wiederkehrende Reize sind für Menschen interessant und stimulierend. Dazu gehören Bienen, die von Blumen angezogen werden, oder Vogelgezwitscher.
- Veränderungen in Thermik und Luftzug: subtile Schwankungen von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftbewegung, die auf der Haut spürbar sind.
- Nähe zum Wasser: Wasser zu sehen, zu hören oder zu spüren fördert Konzentration und Aufmerksamkeit und reduziert Stresssymptome.
- Dynamisches und diffuses Licht: die Veränderungen in der Intensität von Licht und Schatten über die Zeit.
- Verbindung mit natürlichen Systemen: das Bewusstsein für natürliche Prozesse und die Veränderung der Jahreszeiten als Merkmale eines gesunden Ökosystems. ANALOGIEN ZUR NATUR
- Biomorphe Muster: der Bezug zu Formen, Mustern und Texturen, die natürlich vorkommen, zum Beispiel Bienenwaben und Fell.
- Natürliches Material: die Verwendung von Materialien, die einen Bezug zur ökologischen oder geologischen Umwelt haben.
- Ordnung und Komplexität: das Design und die Anordnung von Objekten in Fraktalen. DIE NATUR DES RAUMES
- Aussicht: die uneingeschränkte Sicht über größere Flächen und Entfernungen, in weitläufigen Räumen oder auf dem Balkon über die Stadt.
- Zuflucht: der Rückzugsort, an dem sich Bewohner eines Hauses oder Mitarbeiter eines Büros sicher und geborgen fühlen.
- Geheimnis: die Einschränkung der Sicht, die zur Erforschung des Raumes einlädt, um verborgene Informationen zu erhalten.
- Risiko: die Elemente von Gefahr, die für Nervenkitzel sorgen, aber zuverlässig kontrollierbar sind, zum Beispiel ein stabiler Glasboden in großer Höhe oder Wasser, das auf Trittsteinen überquert wird.
Von der Empirie zur Theorie
Was heute Studien beweisen, wusste man im 19. Jahrhundert intuitiv. Mit der industriellen Revolution, mit der Molochisierung der Städte entstand das Bedürfnis, Grün ins Grau zu holen, atmende Lungen den Dampfmaschinen und Gießereien an die Seite zu stellen. Der Central Park in New York und der Englische Garten in München sind nur zwei Beispiele, pseudoparadiesische Grünanlagen in vermauerte Grauzonen zu integrieren. Ihre gewollte Natürlichkeit, ihre gartenarchitektonische Plangestalt suggerieren Natur, wo Kultur am Werke ist.
Dass sich aktuell die Anwendung des Biophilic Design primär in der Arbeitswelt abspielt, hat gute Gründe: Weltweit arbeiten über die Hälfte aller Büroangestellten ohne natürliches Tageslicht am Arbeitsplatz, viele Büros haben weniger Quadratmeter als die vorgeschriebene Fläche für Einzelzellen in einer deutschen JVA. Auch in Großraumbüros sind die Effizienz, die Konzentration und die Kreativität eher unterbelichtet. Immer mehr Studien belegen den Wohlfühlfaktor von Biophilic Design. Sie behaupten, dass Kinder in biophil gestalteten Schulen besser lernen, Kranke in biophil gebauten Hospitälern schneller gesunden und Angestellte in biophilen Büros effizienter arbeiten.
Lassen sich diese Studien in der Realität überprüfen? Wir fragten zehn Architekten aus ganz Deutschland und keiner kannte den Begriff, jeder kannte aber nach Aufklärung mindestens ein Beispiel für biophiles Bauen in seiner Umgebung. Eine Künstlersiedlung bei Bremen, ein Einfamilienhaus in Gelsenkirchen, eine Werbeagentur in Köln. Dort ist der Konferenzraum mit Birkenstämmen vom Boden bis zur Decke gestaltet, die Angestellten sitzen bei Meetings auf Baumstümpfen, der Tisch ist eine kaum behandelte Holzplatte. Angeblich dauern die Konferenzen jetzt eher zwanzig Minuten als eine Stunde, die Ergebnisse sind kreativer. Ob die Wirkung durch die hölzerne Einrichtung oder homöopathische Einbildung erzielt wird, ist für das Resultat egal. Fest steht: Ein Architekt, der nach den Prinzipien des Biophilic Design baut, kann seinen Entwurf mit dem Effekt erklären und sein Wissen mit Wissenschaft begründen.









