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Eine starke Farbe braucht einen starken Grund
Das Headquarter des Nachrichtensenders Euronews hat mit dem „Green Cube“ in Lyon ein neues Zuhause gefunden, das seinesgleichen sucht. Weithin leuchtet das Gebäude in Neongrün, zwei „Augen“ schauen aufs Wasser, die perforierte Außenhaut nimmt die Bewegungen des Flusses Saône auf.
Nach dem „Orange Cube“, der nur einige Schritte entfernt liegt, hat das Architekturbüro Jakob + MacFarlane damit ein zweites ikonisches Bauwerk in dem ehemaligen Industriegebiet geschaffen. Wir sprachen mit Brendan MacFarlane über den Green Cube, die Macht der Farbe und die Anfänge einer Erfolgsgeschichte.
In welchem Kontext stehen der Orange Cube und der Green Cube zueinander?
Brendan MacFarlane: Beide sind aus demselben Wettbewerb für die Bebauung eines stillgelegten Docks hervorgegangen. Es sollten Vorschläge für entweder eins oder zwei der freien Grundstücke gemacht werden. Wir haben uns für zwei entschieden und eine Idee entwickelt, die an beiden Standorten funktioniert. Lyon basiert auf dem Prinzip einer italienischen Renaissancestadt. Es gibt viele fantastische, offene Räume, und beim Flanieren gelangt man von einem zum nächsten. Die Stadt ist mit ihren Menschen verbunden. Die Menschen stellen die Verbindung her, indem sie sich bewegen und ihre Stadt erkunden. Das wollten wir am Fluss fortführen. Zusätzlich zu dieser Idee haben wir mit der Wiederholung gespielt. Wenn die Menschen nun auf der Promenade entlang des Flusses spazieren, sehen sie zuerst den einen Cube, dann den anderen – und damit sehen sie auch ein Ensemble. Neben der Form und der Machart finden sich auch die Löcher in beiden Gebäuden wieder, die sie für Luft und Licht öffnen. Wir haben also zwei Gebäude geschaffen, die aus derselben konzeptionellen Feder stammen.
Orange und Neongrün sind sehr starke Farben. Wie haben Sie sie ausgewählt?
Brendan MacFarlane: Es gibt verschiedene Gründe für die Wahl dieser Farben. Zunächst einmal gab es zwei Themen für die beiden Gebäude. Der Orange Cube ist ganz dem Thema Gastronomie gewidmet – Lyon ist ja berühmt für eine herausragende Küche. Im Orange Cube gibt es eine „School of Food“, eine Bibliothek rund um Themen wie Catering etc. Hier haben wir uns für das starke, aktive und warme Orange entschieden. Wir haben diese Farbe aber auch gewählt als Bindeglied zur industriellen Vergangenheit – Orange erinnert ja auch an die Farbe eines Industriewerkzeugs. Hinzu kommt, dass dieser ehemalige Industriestandort grau, schwarz, dunkel war und wir ihn öffnen wollten für das Licht, für die Menschen, für die Freude am Spazieren. Das einzigartige und beruhigende Grün steht als Gegenstück zum Orange für die Ruhe, das Wasser, den Fluss. Schließlich ist das Thema des Green Cube „Entspannung“. Hier hatten wir beispielsweise ursprünglich die Einrichtung eines Schwimmbads in den beiden unteren Etagen vorgeschlagen. Zu guter Letzt haben wir auch zwei starke, leuchtende Farben gewählt, weil in Frankreich Gebäude am Wasser aus Sicherheitsgründen für den Schiffsverkehr normalerweise in kräftigen Farben – beispielsweise Gelb, Orange oder Rot – gestaltet sind.
Der Green Cube hat eine dynamisch wirkende Außenhaut – wie ist sie beschaffen?
Brendan MacFarlane: Es gibt zwei Schichten. Da ist zunächst die innere wasserdichte Ebene, die aus flachen grünen Platten besteht, durchbrochen von horizontalen Fensterbändern. Sie ist etwas dunkler als die äußere Schicht. Die „Außenhaut“ ist etwas heller grün, 25 cm von der inneren entfernt und perforiert. Die Muster der Perforation stammen von dem Künstler Fabrice Hyber. Diese Schicht hat zwei Funktionen: Zum einen ist sie identitätsstiftend, zum anderen dient sie als Sonnenschutz. Das ist übrigens bei beiden Gebäuden der Fall.
Welche Macht hat Farbe generell?
Brendan MacFarlane: Farbe ist sehr mächtig. Sie ist meiner Meinung nach eines der wichtigsten Elemente, mit denen Architektur arbeiten sollte. Viele Architekten haben Angst, mit Farbe zu arbeiten, was absurd ist, denn es ist fantastisch, mit ihr zu gestalten. In der Architektur neigen wir oft dazu, uns in einem Spektrum von Weiß, Grau und Schwarz zu bewegen und den Raum irgendwie zu neutralisieren. Es ist einfacher, etwas Neutrales in Beziehung zum bereits Existierenden zu setzen. Man geht damit auf Nummer sicher. Farbe ist kraftvoll, aber auch bedeutungsschwer. Daher setzen wir sie nur dort ein, wo wir sie für wichtig halten. Klar, wir machen auch farbneutrale Gebäude – wenn wir es für angemessen erachten. Wann immer wir mit Farbe arbeiten, haben wir einen guten Grund dafür. Wir legen großen Wert auf die Wahl einer Farbe für ein Gebäude. Wenn es sich um eine starke Farbe handelt, muss es dafür einen starken Grund geben.
Eine private Frage zwischendurch: Welche Rolle spielt Farbe bei Ihnen zu Hause?
Brendan MacFarlane: Wie ich lebe, ist vermutlich das Gegenteil von dem, was Sie erwarten: langweilig-neutral. Das ist entspannend. In der Gestaltung unserer Privaträume müssen wir keine großen Aussagen treffen. Es ist einfacher, für andere etwas zu erschaffen. Ich habe lediglich zwei Buddhas, die ich in Vietnam gekauft habe, sie haben die gleichen Farben wie die Cubes und stehen bei mir im Regal. Als wir in Lyon arbeiteten, hatten die Cubes einen enormen Einfluss auf unser Leben, es gab Feedback aus der ganzen Welt. Als ich die beiden Buddha-Gesichter in genau diesen Farben sah, war der Kauf vor allem ein Scherz. Humor ist einfach wichtig im Leben.
Erzählen Sie uns etwas über Ihre Arbeitsweise und die spezielle Vorgehensweise in Lyon.
Brendan MacFarlane: Wir nehmen immer viele Aspekte rund um ein neues Projekt unter die Lupe, in diesem Fall zum Beispiel die Geschichte des Geschehens am Fluss. Es gab dort unter anderem Lagerhäuser für Weizen oder Sand. Die Hälfte der Gebäude am Fluss wurde abgerissen, um Platz für neue Bauwerke zu schaffen. Früher kamen die meisten Boote aus Zentralfrankreich, und die Flüsse waren hochindustrialisierte Wasserstraßen, ganz anders als die Flüsse von heute. Die Bereiche an den Wasserstraßen waren geschäftlich und industriell genutzt. Lyon ist eine Stadt zwischen zwei Flüssen – Rhône und Saône. Die Stadt hatte also immer eine Beziehung zum Wasser, aber die Flüsse wurden nicht als etwas Schönes gesehen – wie etwa in London. Sie wurden industriell genutzt und rein funktional betrachtet. Natürlich gibt es Brücken, natürlich gibt es Ufer und die Möglichkeit zu flanieren – aber die Bewegung und Präsenz der Flüsse wurde nie wirklich gefeiert. Nun war die Anforderung, Bürogebäude zu schaffen, die zugleich ikonische Qualität haben sollten. Die Öffentlichkeit würde am Ufer entlanglaufen. Es musste also aktiv gestaltet werden, und es gab einiges zu bedenken: den historischen Rückblick, die Flüsse Saône und Rhône mit ihren unterschiedlichen Charakteren und Farben. In der konzeptionellen Phase sehen und erfahren wir viele Dinge, führen eine Art Archivierung durch und bauen eine Geschichte auf. So fügt sich peu à peu alles zu einem Konzept zusammen. Die beiden Gebäude nehmen das Leben, die Lichter, die Bewegung des Flusses auf – und sie schauen aufs Wasser, nicht in die Landschaft.
Auf der ganzen Welt wurden in den letzten Jahrzehnten Industriestandorte umgenutzt – ein Beispiel, das Sie besonders schätzen?
Brendan MacFarlane: Ehemalige Industriestandorte haben in den letzten 20 Jahren in Europa wahrscheinlich die größten Freiheiten eröffnet, spannende Dinge zu tun. Es gibt eine ganze Reihe interessanter Projekte, die an Flüssen oder Wasserstraßen, Seewegen und Ufern entstanden sind. Mir gefällt beispielsweise die Elbphilharmonie sehr, denn sie spricht eine spannende architektonische Sprache an einer historischen industriellen Wasserstraße. Das Dach hat sicherlich eine besondere Qualität – so in ein Volumen zu „schneiden“, das machen wir auch mit den Cubes. Ein weiteres großartiges Beispiel für einen umgenutzten ehemaligen Industriestandort ist der Hudson River Park in New York. Offensichtlich haben hier viele verschiedene Akteure zusammengearbeitet, um das Beste zu schaffen – nachhaltig, sensibel und innovativ. Entstanden ist ein Freizeit- und Sportangebot für alle Altersgruppen, ein wahrer Genuss.









