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Tragende Farben
Die „tragende“ Farbe hat, wie eine tragende Wand, eine Schlüsselposition im Farbkonzept. Sie stützt etwas von „unten“, sie ist Eckpfeiler, „Säule“ für eine elementare Rezeption der Farbe und spielt damit eine grundlegende Rolle im Farbklang. Farben berühren die Sinne, lösen Assoziationen aus und prägen die Emotion, wenn ihre Proportionen ausgewogen sind.
In einer räumlichen Farbkonzeption sollte es Farben geben, die eine oder wechselnde Dominanzen zulassen. Farben, die andere Farben gut zur Wirkung bringen, die dominante Farben aushalten und den Rahmen schaffen für Farbbeziehungen, die den Nutzer aufmerksam werden lassen. Farben, die dem Sehsinn einen spannenden Wahrnehmungsprozess anbieten, der in die Erinnerung einzieht.
„Tragend“ sind nicht die dominanten Farben, sondern die aufgehellten, abgedunkelten oder vergrauten Töne, die den Hintergrund bilden für ein lebendiges Farbenspiel. Das können sowohl Rottöne, gelbe als auch blaue Töne sein, aber auch die warmen und kalten Varianten der Grautöne, die Zwischentöne wie Grün, Orange oder Violett.
Ein gewisses Quantum an tragenden Farben ist die Basis für jedes künstlerische Farbkonzept. Beispiel: Baut ein Farbkonzept auf dem komplementären Rot-Grün-Kontrast auf und das Rot übernimmt die Rolle des intensiveren Kontrapunktes, dann ist es notwendig, das Grün nicht etwa in gleicher Leuchtkraft zu verwenden, sondern es vergrauter, leiser einzusetzen.
Erst dann bringt es das Rot richtig zum Leuchten. Die Aufmerksamkeit folgt der Faszination, die in dem Gegenspiel zwischen den Komplementärfarben Rot und Grün und den Helligkeitswerten leuchtend und vergraut liegt. Die Farbspannung bleibt spürbar, wird aber zurückgenommen – zugunsten der eindeutigen Farbentscheidung für das Rot.
Ein Nebeneinander von Grundfarben zu gleichen Anteilen erscheint immer sehr bunt, da sie miteinander konkurrieren. Wenn aber die Gewichtungen proportional durch Vergrauung, Aufhellung oder Abdunkelung ausgewogen sind, können farbige Beziehungen in einem Raum aufleben und maßgeblich zur Umsetzung einer konzeptionellen Farbgestaltung beitragen.
Wir nehmen Farben immer im Vergleich wahr, ganz egal ob sie in maximalem Kontrast oder in tragender/dominanter Beziehung zueinander stehen. Ein Blau erscheint leuchtender im Kontrast zu einem Orange, aber auch ein Blaugrau eröffnet schon neben Orange diese komplementäre Wirkung.
Es gibt eine Reihe an Farbkontrasten, die namentlich bekannt – aber hinsichtlich ihrer Wirkung im Raum nicht unbedingt geläufig sind. Es folgt eine Erläuterung der wichtigsten Kontraste, die die Basis bilden für eine stimmungsvolle farbige Gestaltung, die ihre Kraft aus einer bewussten und ausbalancierten Mischung aus tragenden und dominanten Farben zieht.
Bunt, laut, kraftvoll
Der Farbe-an-sich-Kontrast ist am stärksten ausgeprägt unter ungetrübter Verwendung der drei Grundfarben in ihrer stärksten Leuchtkraft. Bei gleichen Anteilen entkräften sie sich gegenseitig. Die Stärke des Farbe-an-sich-Kontrastes nimmt aber ab, je mehr man die drei Farben von ihrer Grundordnung entfernt – je schwächer und vergrauter, aufgehellter oder abgedunkelter sie angemischt werden.
Hier wird das Phänomen der tragenden Farbe offenkundig: Häufig gibt es sichtbare Flächen im Raum, die aus vielen farbigen Teilen bestehen: Bücherregale, Geschirrschränke, farbige Sammlungen. Die Trägersysteme und deren Hintergründe benötigen „tragende“ Farben, um die Farbvielfalt an Büchern, Geschirr und Stoffen aufzunehmen. Dieser Sachverhalt verlangt eine analytische Erprobung: Manchmal ist ein kühles oder warmes Grau – oder ein Gletscherblau wie die Schattenfarbe von Eis – tragend für die Vielfarbigkeit des Umfelds.
Auch Schwarz und Weiß sind Komponenten für den harmonischen Farbklang der Gesamtkonzeption. Weiß schwächt die Leuchtkraft der Farben und macht sie dunkler, Schwarz steigert die Leuchtkraft und lässt die Nebenfarben heller wirken.
Von Farben und ihren Grautönen
Der stärkste Ausdruck für den HellDunkel-Kontrast sind Schwarz und Weiß. In Ittens Farbkreis tauchen Schwarz und Weiß übrigens gar nicht auf. Aus diesem Grund wird oft behauptet, dass Schwarz und Weiß keine Farben seien. Die Praxis zeigt uns allerdings etwas ganz anderes.
Sowohl Schwarz als auch Weiß werden dazu verwendet, Farben abzudunkeln bzw. aufzuhellen und ihnen die Intensität zu nehmen und gleichzeitig die Kraft zu geben, eine tragende Farbe zu werden. Durch Verschieben der Mengenverhältnisse der Farben wirken unterschiedlichste Ausdrucksmöglichkeiten wie räumliche Phänomene: Gleiche Helligkeit oder gleiche Dunkelheit machen die Farben verwandt.
Farben werden durch gleiche Tonwerte aneinander gebunden und zusammengefasst. Durch Zusatz von Weiß entstehen Pastelltöne, die duftiger, leichter, zarter und kühler wirken als die reinen Farben. Das alles ist gestalterisch im Farbkonzept als Mittel einsatzfähig.
Wenn Grau den Nachbarfarben gewogen ist
Grau schwächt die Kraft seiner Nachbarfarbe und besänftigt sie. Es saugt die Kraft der Nachbarfarbe auf und wird durch das Phänomen des Simultankontrastes, bei dem es sich um einen rein physiologischen Korrekturvorgang des Sehorgans handelt, zur komplementären Ergänzung.
Grau erhält durch seine Nachbarfarben Charakter und Leben, ist sehr leicht beeinflussbar und zu herrlichen Tönen zu erregen, die es als tragende Farbe im Gesamtbild zu etwas sehr Besonderem machen. Es kann durch jede beliebige Farbe aus seinem neutralen Zustand verwandelt werden, indem eine erregende Farbe die entsprechende komplementäre Farbwirkung erzielt. Dabei wird das Grau so beeinflusst, dass es wie die komplementäre Farbe erscheint.
Eine solche simultane Wirkung kommt aber nicht nur zur Auslösung zwischen einem Grau und einer reinen Farbe, sondern auch zwischen reinen Farben, die nicht genau komplementär sind. Jede der beiden Farben sucht die andere in ihren komplementären Wert zu drängen – und meistens verlieren beide ihren Wirklichkeitscharakter und leuchten in neuen Farbwirkungen.









